Für das Gondeldinner befinden wir uns im österreichischen St. Johann in Tirol. Es ist Winter, wir sind umgeben von Bergen. An der Talstation der Bergbahn kommen uns die letzten Skifahrer entgegen, die gerade wieder im Tal angekommen sind und sich mit Skiern in den Händen auf den Weg zu ihren Autos machen. Ihr Tag ist vorbei – unserer fängt gerade erst an. Als die letzte Gondel der letzten Bergfahrt in der Station angekommen ist, starten die Vorbereitungen für den Abend.
Auftakt an der Talstation
An dieser Stelle sei erstmal erwähnt, dass der Aufwand, eine Bergbahn samt Gondeln und Station in ein Restaurant zu verwandeln, auf keinen Fall zu unterschätzen ist. Immerhin läuft der Tagesbetrieb erstmal noch ganz normal, bevor jede einzelne der 24 Gondeln dekoriert werden kann. In dieser Zeit trifft das Team in der Talstation alle Vorbereitungen. 24 Tische werden mit Tischdecke, einer Lampe und anderen kleinen Dekoelementen ausgestattet. Polster, Wärmekissen, Decken werden bereitgelegt. Der Vorteil: Die kleinen Vorspeisenteller kann das Team auch schon vorbereiten. Die niedrigen Außentemperaturen sorgen dafür, dass alles schön frisch bleibt. Dann ist es 16 Uhr. Der reguläre Bahnbetrieb endet. Die Gondel mit der Nummer Eins fährt in der Station ein und es kann losgehen. Die Türen der Gondel öffnen sich und ehe man sich versieht, wird ein Tisch samt Tischdecke und Deko hineingestellt. Das ganze passiert 24 Mal. Wieder bei der ersten Gondel angelangt, werden Teller, Besteck und Étagère auf dem Tisch plaziert und die Bänke mit den Wärmekissen und Decken ausgestattet.
Und schon ist es 18 Uhr, die ersten Gäste trudeln ein. Die Stimmung ist entspannt, es wird geplaudert, während ein Aperitif ausgeschenkt wird und kleine Appetitanreger vom Flying Buffet serviert werden. Obwohl wir die Vorbereitungen miterlebt haben, kann ich mir noch nicht ganz vorstellen, was uns erwartet und wie dieser Abend ablaufen wird. Aber wir werden es gleich herausfinden.
Die Vorspeise
Um 18.30 Uhr heißt es dann einsteigen. Gondel für Gondel setzen sich die Gäste an ihren Tisch. Die Türen schließen sich, die Gondel hebt ab – und auf einmal sitzt man über dem Hang und schaut der Abendsonne dabei zu, wie sie immer weiter hinter den Bergen verschwindet und den Himmel einfärbt.
Vor uns steht schon die Vorspeise bereit. Vielmehr die Vorspeisen. Plural. Frisches Bauernbrot mit Sauerrahmbutter, Lachsforellen-Tatar, Pastrami mit karamellisierten Walnüssen und eingelegtem Gemüse, gebratener Frischkäse im Speckmantel und ein kleiner Salatteller. Man hat noch gar nicht die ganze Auswahl begutachtet, da wird einem auch noch eine warme Pastinakensuppe mit Apfel und Trüffelknödel vor die Nase gestellt. Eine sehr große und vielfältige Auswahl, bei der man sich gar nicht entscheiden kann, womit man am starten soll. Vorzugsweise die Suppe, damit man sie noch warm genießen kann.

An dieser Stelle sei auch mal erwähnt, dass das Konzept des Gondel-Dinners wirklich ebenso simpel wie charmant ist: Während die Gondel eine Runde von der Talstation, über die Bergstation, bis zurück zur Talstation fährt, genießt man einen Gang des Menüs. An der Talstation angekommen, öffnen sich kurz die Türen, die Teller werden abgeräumt und der neue Gang wird direkt serviert.
Recherchiert man ein bisschen, stößt man relativ schnell auf die Dauer der Fahrt zwischen Talstation und Bergstation. Vier Minuten hoch, vier Minuten runter. Macht nach Adam Riese acht Minuten, um jeden einzelnen Gang zu verdrücken. Klingt sportlich – ist es auch. Deshalb dauert die Fahrt an diesem Abend länger, ganz einfach. Die Bahn wird auf die minimale Geschwindigkeit gedrosselt und so dauert eine komplette “Umrundung” 30 Minuten. Aus Erfahrung kann ich jetzt sagen, dass man sich hier mit dem Essen nicht hetzen muss. Zu lange warten sollte man allerdings auch nicht. Weil man ja aber schließlich zum Essen hier ist, dürfte das für niemanden ein Problem darstellen.
Die Hauptspeise
Wie gerade schon beschrieben, öffnen sich in der Talstation die Türen der Gondel und in dieser halben Minute hat man einen ganz kurzen Einblick in das Herzstück des Abends – die Küche. Die verschiedenen Gänge werden von zwei Betrieben gestellt und zubereitet. Und ja, wir befinden uns in der Talstation, aber für den Hauptgang ist wirklich eine Küche aufgebaut worden, in der der Hauptgang ganz frisch zubereitet wird. So kommen wir also an der Talstation an, vier Arme ragen in die Gondel und räumen unsere Teller ab. Kurzer Blickkontakt. “Hat alles geschmeckt?”, werden wir gefragt. “Wirklich sehr gut”, antworten wir und haben noch nicht einmal Zeit zum Durchatmen, da fahren wir auch schon an der aufgebauten Küche vorbei. Auch hier sitzt jeder Handgriff bei der Zubereitung. Das muss er auch, immerhin fahren die Gondeln ohne anzuhalten weiter. In der Zeit muss abgeräumt, der nächste Teller angerichtet und auf den Tisch gestellt werden.

Der nächste Gang steht vor uns. Als Hauptgericht steht geschmortes Vögerl vom Brunnhofkalb mit Frischkäsepolenta und Barolo-Jus auf dem Menü. Wer es vegetarisch mag, entscheidet sich für Pecorino-Feigen-Nudeltascherl mit Orangen-Honig-Radicchio und grünem Pfeffer-Espuma. Und was passt besser dazu als ein Glas Wein? Für die optimale Weinbegleitung ist gesorgt. Jede Gondel hat eine Flasche Weißwein, eine Flasche Rotwein und eine Flasche Wasser auf dem Tisch stehen. Wir entscheiden uns für Rotwein. Auch für den Hauptgang hat man in der halben Stunde mehr als genug Zeit. Die Sonne ist inzwischen komplett untergegangen und man erkennt nur noch die Silhouetten der Berge.
Die Nachspeise
Die Talstation kündigt sich an, indem sie ein bisschen Helligkeit in das Dunkel der Nacht wirft. Die Hauptgang-Fahrt nähert sich dem Ende. Wieder öffnen sich die Türen, die Teller werden abgeräumt und das Dessert serviert. Eine Variation an Schokolade. Eis, Pudding mit Sauerkirschen und einem leckeren Schokoladenküchlein. Der krönende Abschluss dieses Dinners in der Gondel – möchte man zumindest meinen.

Aber tatsächlich war es das noch nicht ganz. Wieder in der Talstation angekommen, werden nicht nur die Teller abgeräumt, sondern wir gleich mit. Hier erwartet uns eine Auswahl an Käse und ein Digestif, um den Abend ausklingen zu lassen. Ein entspannter Abschluss nach einem Abend, der irgendwo zwischen Gondelfahrt, Gourmetmenü und Tiroler Bergkulisse stattgefunden hat.
Mein Fazit: Ein wirklich ausgeklügeltes und perfekt organisiertes Konzept, das man so noch nicht erlebt hat. Sehr leckeres Essen, frisch zubereitet und genau die richtige Menge, um bei den einzelnen Gängen weder gehetzt zu werden, noch nach wenigen Minuten unbeschäftigt rumzusitzen. Dinner in der Gondel ist nicht nur eine ungewöhnliche Idee – sondern auch eine ziemlich genussvolle.

